Der Nacktmull. Von Todgeweihten und Massenmörderinnen

Aussehen wie Brad Pitt? Das tut der Nacktmull nicht. Allerdings wird Schönling Brad irgendwann alt und schrumpelig und das kann dem Nacktmull nicht passieren: altern tut er nicht (sry, Brad!) und schrumpelig ist er seit Geburt.

Lange war ja die Drosophila so etwas wie das Haustierchen der Forscher, doch nun aber haben Wissenschaftler aller Sparten ein neues Lieblingstier: den Nacktmull. So haben sie bereits herausgefunden, dass Nacktmulle fiese Infektionen überstehen, 18 Minuten ohne Sauerstoff überleben, schmerzunempfindlich sind, eine säureresistente Haut haben, keine Hitze spüren, nicht bzw sehr langsam altern und keinen Krebs bekommen. Die Forscher scheinen mit dem Tier ähnlich unzimperlich umgegangen zu sein, wie die Macher von Ice Age mit Scrat, dem kleinen, unkaputtbaren Säbelzahnhörnchen.

Graben mit Überbiss

Zurück zu Brad, ach was, kleiner Scherz, zum Nacktmull. Da der Nacktmull, neben seiner Karriere als begehrtes Labortierchen, normalerweise in einer ziemlich unwirtlichen Gegend lebt, muss er eben auch besonders robust sein. Seine eigentliche Heimat sind die Ostafrikanischen Halbwüsten, wo er in unterirdischen Kolonien mit bis zu 299 anderen Nacktmullen lebt. Das ist für Säugetiere sehr ungewöhnlich. Er ist zwischen 5 und 15 Zentimetern lang und nicht ganz so haarlos, wie er auf den ersten Blick wirkt. Muss der Nacktmull nicht gerade 19 Minuten ohne Sauerstoff auskommen, wird er mindestens 40 Jahre alt, älter als jedes Nagetier. Gegraben wird mit den Zähnen, was sich durchaus anbietet, bei dem Überbiss, den Nacktmulle so haben. Ihre Zähne lassen sich einzeln bewegen und die entsprechend benötigte Muskulatur, die Kaumuskulatur, macht 25% des Körpergewichts aus. 

Atemlos im Schacht

Auch sonst haben sich die Nacktmulle perfekt an ihre Umgebung angepasst: Sie können ihre Körpertemperatur verändern, wahlweise heizen oder kühlen. Sie haben eine besonders effektive Form des Hämoglobin, die ihnen hilft, eben besagte 18 Minuten ohne Sauerstoff auszukommen. Fehlt ihm die Luft zum Atmen, fällt der Nacktmull solange in eine Art Starre, bis es wieder welche gibt. Die Schmerzresistenz erklärt sich damit, dass in den engen, heissen und schlecht durchlüfteten Gängen ein Schmerzempfinden die ganze Kolonie zum Durchdrehen brächte. 

No food waste

Nacktmulle sind übrigens sehr sparsam. Sie fressen ihr Essen nämlich zweimal. Oder, um es etwas deutlicher zu sagen: Sie fressen ihren eigenen Kot. Das, was an Wurzeln und Knollen beim ersten Mal nicht verdaut wurde, geht dann erneut auf die Reise durch den nacktmulligen Verdauungstrakt. Macht Sinn, denn die ostafrikanischen Halbwüsten sind ja nicht der fruchtbare Halbmond.

Terrorherrschaft und Massenmord

Ihre Sozialstruktur gleicht der eines Bienenvolkes, mit Königin, Arbeitern und Soldaten. Die Königin gebärt alle Nacktmullbabies und ihren Status verteidigt sie gegenüber den unfruchtbaren Arbeiterinnen mithilfe einer Terrorherrschaft. Pheromone und tägliche Gemeinheiten halten sie auf dem Thron. So trampelt sie, grösser und schwerer als alle anderen, durch die Gänge und wer ihr entgegenkommt, über den läuft sie einfach drüber. Falls sie doch einmal vom Sensenmann geholt wird, blühen die anderen Weibchen der Kolonie auf: Plötzlich sind alle fruchtbar und werden schwanger. Die, die zuerst wirft, hat gewonnen, wird Königin - und metzelt dann alle anderen nieder. Für den Rest ihres Königinnendaseins wird sie sich mit ihrem Paschamännchen paaren und etwa 60 Mal im Jahr gebären. 

Moriturus te salutat

Wer meint, nur die Königin sei eine asoziale, machtgeile Massenmörderin, dem sei gesagt, dass der Rest des Volkes da auch nicht gerade frei von miesen Verhaltensweisen ist. Dringt nun ein potenzieller Nacktmullfresser, beispielsweise eine Schlange, in den Bau ein, wird der grösste und kräftigste Nacktmullsoldat nach vorne geschoben - und der Gang hinter ihm verschlossen. Moriturus te salutat… Die Schlange kommt dann wohl aber auch nicht ungeschoren davon. Man denke an die Zähne…

 

Also, alles in allem ist der Nacktmull ein sehr spezielles Tier, das sich einmal mehr menschlichen Massstäben entzieht. Ich gehe aber davon aus, dass das dem Nacktmull ziemlich egal ist. Niedlich kann ja jeder.